Digitalisierte Bildung – Chance oder Risiko?

Die Digitalisierung der Bildung wird in den meisten Fällen nur im Hinblick auf die schulische und akademische Bildung betrachtet. Diese Sichtweise ist jedoch zu kurz gegriffen, da sich die Probleme der heutigen beruflichen Aus- und Fortbildung direkt auf Herausforderungen der in Schulen und Hochschulen auswirkt.

Der DigitalPakt Schule, mit einem Volumen von 5 Milliarden aus dem Sondervermögen „Digitale Infrastruktur“, ist in aller Munde und wurde zu Beginn als Allheilmittel zur Lösung der digitalen Probleme gefeiert. Zwischenzeitlich ist die Euphorie verflogen, nachdem sie auf die Realität getroffen ist.

Die Idee, Schulen hinsichtlich ihrer technischen Ausstattung und der Fortbildung des Lehrpersonals zu fördern, ist grundsätzlich gut. Jedoch wurde hier eine gute Idee durch das deutsche Konstrukt „Verwaltungsvereinbarung“ schon im Keim erstickt. Die interessanten Punkte sind die, die von der Verwaltungsvereinbarung explizit ausgeschlossen bzw. gar nicht erst eingeschlossen werden.

Das Kernproblem der Schulen in Deutschland ist nicht die technische Ausstattung für digitalen Unterricht, sondern die Bausubstanz. Wir sehen heute einen Finanzbedarf von fast 50 Mrd. Euro zur Sanierung maroder Schulen. Die bauliche Situation der Schulen ist nicht neu. Der Sanierungsbedarf ist bekannt und wird seit Jahrzehnten bewusst ignoriert. Die Installation von notwendiger Technik für eine Digitalisierung des schulischen Angebotes ist in sanierungsbedürftigen Gebäuden sinnlos. Die betroffenen Schulen müssen sich selbst helfen, um die notwendigsten Reparaturen durchführen zu können, da der zuständige Verwaltungsapparat mit der Eigenverwaltung beschäftigt ist.

Die Verwaltungsvereinbarung des DigitalPakt sieht vor, dass Schulen einen Beauftragten für die Planung, Beantragung und Einführung digitaler Medien und zur Umsetzung der Lehrplanänderungen haben. Diese und weitere Anforderungen erscheinen vor dem Hintergrund viel dringender Herausforderungen im täglichen Schulbetrieb als schlechter Witz.

Der DigitalPakt Schule ist eine offensichtliche Fördermaßnahme für Schulen, die über eine gute bauliche Gebäudebasis und ausreichend fortgebildetes Lehrpersonal verfügen. Dies gilt für gleichermaßen für öffentliche und private Schulen der Primar- und Sekundarstufen und Berufsschulen.

Fortbildung

Der DigitalPakt Schule referenziert die Strategie der Kultusministerkonferenz (KMK) „Bildung in der digitalen Welt“ als Ausgangspunkt für die Anforderungen an die Digitalisierung der Bildung in Deutschland. Ein wichtiger Bestandteil der „Strategie“ ist die stete Fortbildung der Lehrkräfte im Hinblick auf die Anwendung digitaler Technik. Die wichtigen Fragen hierzu werden in diesem Papier jedoch nicht beantwortet. Wann sollen Lehrkräfte an Fortbildungen teilnehmen und wer soll die Lehrkräfte schulen?

Die Schulen haben bereits heute Probleme den täglichen Unterricht zu 100% stattfinden zu lassen, da Lehrkräfte fehlen. Der strategische Wunsch, Digitalisierung in alle Unterrichtsfächer einzubetten, erfordert, dass alle Lehrkräfte an Fortbildungen teilnehmen. Dies ist aktuell schlichtweg nicht zu leisten. Erschwert wird diese Situation dadurch, dass eine einzelne Fortbildung nicht ausreichend ist, sondern regelmäßig wahrgenommen werden muss. Die technischen Möglichkeiten digitaler Unterrichtslösungen entwickeln sich derart schnell, dass selbst jährliche Fortbildungen als nicht ausreichend zu bewerten sind.

Aber wer soll Fortbildungen und Schulungen zu den digitalen Technologien durchführen? Auf der Seite der Trainer sieht es ebenfalls schlecht aus. Die Zahl der zertifizierten Trainer für IT-Themen ist seit mehreren Jahren rückläufig. Die zwei wichtigsten Gründe hierfür sind, dass die Nachfrage nach IT-Schulungen, von wenigen Spezialthemen abgesehen, insgesamt zurückgegangen ist, und dass es sich für IT-Trainer finanziell nicht lohnt, weiterhin als Trainer tätig zu sein. Es ist für sie wesentlich reizvoller im IT-Beratungsgeschäft tätig zu sein.

Berufliche Fortbildung

Die Strategie der KMK berücksichtigt auch die berufliche Fort- und Weiterbildung als wichtigen Bestandteil des lebenslangen Lernens, mit besonderer Gewichtung digitaler Medien und Technologien. Nur wenige Unternehmen sind sich der Wichtigkeit der beruflichen Fortbildung als Teil der persönlichen Entwicklung und Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter bewusst.

Im Hinblick auf die Verfügbarkeit von Trainern stehen Wirtschaftsunternehmen hier in direkter Konkurrenz mit Schulen. Die meisten Trainer im Bereich der digitalen Technologien arbeiten als Freelancer. Dies führt automatisch dazu, dass sie sich für die finanziell attraktivere Schulung entscheiden. Der Umfang und das Schulungsthema sind den Preis einer Schulung entscheidend. Je größer die thematische Spezialisierung einer Schulung ist, desto höher ist der Preis für einen Trainer. Für selbstständige Trainer gibt es somit am Markt sehr gute Verdienstmöglichkeiten. Dies erschwert es öffentlichen Bildungsträgern, Trainer als angestelltes Fachpersonal zu halten.

Für interne Fachschulungen nutzen Unternehmen gerne Computer basiertes Training (CBT). Diese Art des Trainings ist für die reine Vermittlung von kurzfristigem Wissen und für Pflichtschulungen ausreichend. Jedoch fehlt dieser Art von Training jede soziale Interaktion mit anderen Teilnehmern, die einen Lernerfolg nachhaltig macht.

Chance oder Risiko?

Die Diskussion um die Digitalisierung der Bildung ähnelt oftmals dem markanten Spruch aus einer bekannten Musiksendung des ZDF: „Licht aus – Spot an!“

Während die ungeteilte Aufmerksamkeit der Digitalisierung und den digitalen Medien im hellen Lichtspot entgegengebracht wird, ist der gesamte Bildungsraum weiterhin von etablierten analogen Bildungsmöglichkeiten erfüllt. Die Digitalisierung eröffnet uns neue, zusätzliche Möglichkeiten, die die bereits bekannten und etablierten analogen Formate ergänzen. Die analogen Werkzeuge und Methodikern haben sich über Jahrzehnte entwickelt und wurden den jeweiligen Anforderungen angepasst. Dieser Prozess verlief, nicht zuletzt durch den trägen Föderalismus der Kultushoheit der Bundesländer, langsam und gemächlich.

Sind analoge Medien und Unterrichtsmethoden nun auf einmal obsolet? Nein, das sind sie natürlich nicht. Die Kunst besteht darin, die richtige Mischung zu finden und beide Wege (Welten) gemein zu unterrichten und nicht das jeweils andere zu verteufeln.

Bei allen Überlegungen, Strategie und Umsetzungen dürfen die Interessen und Bedürfnisse der Lernenden nicht vergessen werden. Auch hier gilt es die individuelle Mischung für ein nachhaltiges und tiefgreifendes Lernen zu finden. Jeder Mensch verfügt über individuelle Fähigkeiten, die individuell betrachtet und gefördert werden müssen. Dazu gehören auch die individuellen Fähigkeiten und Vorlieben zu lernen. Hier ermöglichen digitale Technologien neue Wege für Menschen, die bisher im klassischen Lernbetrieb ihren Weg nicht finden konnten oder sogar aktiv ausgeschlossen wurden.

Insgesamt überwiegen die Chancen für eine erfolgreiche Integration digitaler Technologien und Medien in bestehende Angebote.

Der Wechsel zu einer verantwortungsvollen digitalisierten Bildung ist eine Generationenaufgabe und lässt sich nicht durch eine Verwaltungsanordnung beschleunigen. Es braucht Zeit, um alle Menschen mit der gleichen Aufmerksamkeit einzubinden und so eine zusätzliche Möglichkeit zum Lernen und Verstehen zur Selbstverständlichkeit zu machen.

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Foto von Startup Stock Photos von Pexels

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